Ende April reiste eine Gruppe von Vorstandsmitgliedern und Teamer:innen aus dem Jugendnetzwerk Lambda Bayern für vier Tage nach Prag – zum Auftakt einer internationalen Bildungsarbeit und als erster Schritt hin zu einem möglicherweise dauerhaften europäischen Austausch in der queeren Jugendarbeit.
Warum Prag?
Tschechien befindet sich gesellschaftlich und rechtlich in einer anderen Situation als Deutschland: Queere NGOs kämpfen unter schwierigeren politischen Rahmenbedingungen, staatliche Unterstützung ist begrenzt und die Zivilgesellschaft übernimmt eine zentrale Rolle. Genau das machte den Austausch so wertvoll – er ermöglichte uns, die eigene Arbeit kritisch zu reflektieren und zu hinterfragen, was wir in Bayern als selbstverständlich betrachten.
Was haben wir erlebt?
Den Auftakt bildete eine gemeinsame Eröffnungsrunde im Hotel, in der Erwartungen geklärt, Rollen verteilt und das Programm vorgestellt wurden. Bereits am nächsten Morgen starteten wir mit einer Einführung in die gesellschaftliche und rechtliche Lage queerer Menschen in Tschechien – als Vorbereitung auf die Begegnungen des Tages.
Beim Prague Pride Community Center – dem ersten queeren Community Center in Prag – erhielten wir einen umfassenden Einblick in die dortige Arbeit: von offenen Treffpunkten über Beratungsangebote und Selbsthilfegruppen bis hin zu Bildungsmaterialien für Schulen und Unternehmen. Besonders beeindruckt hat uns das Beratungsprojekt Sbarvouven, das mit Online-Angeboten und Unterstützungsgruppen auch Menschen im ländlichen Raum erreicht. Deutlich wurde: Prague Pride finanziert sich weitgehend aus eigenen Strukturen und privaten Kooperationen – nahezu ohne eine staatliche Förderung, die in Bayern und Deutschland zwar nicht flächendeckend und ausreichend, aber immerhin möglich ist.
Anschließend besuchten wir die queere Organisation Transparent, die sich für die Rechte von trans* Personen in Tschechien einsetzt. Die aktuellen rechtlichen Hürden – darunter Diagnosepflicht und fehlende Selbstbestimmungsrechte – machten im direkten Vergleich deutlich, welchen Unterschied politische Rahmenbedingungen für den Alltag queerer Menschen machen.
Den späteren Nachmittag bis in den Abend gestalteten wir selbst: Eine diskussionsbasierte Queere Stadtrallye führte uns durch Prag – vorbei am Altstädter Ring, dem Wenzelsplatz und dem Stadtbezirk Vinohrady. An sechs Stationen setzten wir uns mit queerer Geschichte, Sichtbarkeit und den Lebensrealitäten queerer Menschen in der Stadt auseinander – ein Format, das Geschichte, Politik und persönliche Reflexion miteinander verband.
Der zweite volle Tag begann mit einer internen Teamrunde: Wir reflektierten die bisherigen Gespräche, klärten offene Fragen und arbeiteten heraus, welche Ansätze auch für Bayern relevant sein könnten. Nachmittags traf sich die Gruppe mit Queer Trans Youth (QTY) – einem landesweiten Peer-Projekt für queere und trans Jugendliche in Tschechien. QTY organisiert sich über einen Discord-Server, digitale Angebote, lokale Gruppen und ein jährliches Sommercamp – alles ehrenamtlich, mit knappen Ressourcen, aber großem Engagement. Dieses Gespräch wurde in der Evaluation als eines der wertvollsten der gesamten Reise beschrieben: Die ähnliche Arbeitsweise, die offene Atmosphäre und der direkte Peer-to-Peer-Austausch hinterließen bei allen einen tiefen Eindruck.
Den Abend verbrachten wir gemeinsam mit Philipp Seitz, dem Präsidenten des Bayerischen Jugendrings, bei einer Bootsfahrt auf der Moldau und einem Gespräch auf der Elbinsel – ein wertschätzender Austausch über jugendpolitische Entwicklungen in Bayern und die Bedeutung internationaler Jugendarbeit.
Was nehmen wir mit?
Die Reise hat unseren Blick geweitet. Der direkte Vergleich mit queerer Jugend- und Communityarbeit unter anderen gesellschaftlichen Bedingungen hat uns für die eigene, teils privilegierte Situation sensibilisiert – und gleichzeitig Impulse gegeben, bestehende Ansätze neu zu denken: bei der Finanzierung, in der Peer-to-Peer-Arbeit, im Umgang mit digitalen Formaten und im Aufbau internationaler Vernetzung.
Die Begegnungen in Prag sind kein Abschluss, sondern ein Anfang. Die Kontakte zu Prague Pride, Transparent und Queer Trans Youth bilden eine Grundlage für mögliche künftige Kooperationen und Jugendbegegnungsprojekte. Die gewonnenen Erfahrungen fließen in die Weiterentwicklung unserer Bildungs- und Qualifizierungsformate bei Lambda Bayern ein – zum Nutzen aller Mitgliedsgruppen.